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Galtungs Strukturelle Gewalt RICHTIG GUT VERSTANDEN empfehlenswerte Lektüre

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    Kemp
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    08 NEUORIENTIERUNGEN SOZIOLOGISCHER THEORIE
    08.3 Strukturelle Gewalt: Die Verhinderung von Veränderung
    Source: https://www.uni-muenster.de/PeaCon/arcdoce/texts/ww083.html

    Überhaupt: https://www.uni-muenster.de/PeaCon/

    Nach der Lektüre des voraufgehenden Zitats muß man vielleicht auch sagen, daß friedenswissenschaftlich engagierte Forscher in gewisser Weise das ‘prophetische Feuer’ in die theoretische Anstrengung, unsere Zeit zu begreifen, tragen, und daß dies legitim und angesichts der vor uns stehenden Probleme unabdingbar ist. Daß es Gesellschaftstheoretikern vor dem ungeheuren historischen Vorkommen an Gewalt lange die Sprache verschlagen hat, ist verständlich. Doch gerade an das Phänomen der Gewalt haben sich Friedensforschung und Friedenswissenschaft ‘schulemachend’ gewagt.

    Schon bei Marx und Engels war die Gewalt zu einem zentralen Problem bei der Erklärung nationaler und internationaler Konfliktaustragung geworden. Ihre diesbezüglichen Analysen gipfelten in der Herausarbeitung der Zweck-Mittel-Dialektik, “daß die Gewalt nur das Mittel, der ökonomische Vorteil dagegen der Zweck ist. Um soviel ‘fundamentaler’der Zweck ist als das seinetwegen angewandte Mittel, um ebensoviel fundamentaler ist in der Geschichte die ökonomische Seite des Verhältnisses gegenüber der politischen.”(1)

    Militärische Gewalt wird hier in eine allgemeine Theorie der Gewalt eingebettet, welche sehr wohl den Begriff der ‘strukturellen Gewalt’, der später durch Johan Galtung populär wurde, vorwegnimmt. Militärische Gewalt war nie und ist nicht die allein mögliche Gewalt zur Durchsetzung ökonomischer Ziele, die, nach Auffassung des Historischen Materialismus, nun einmal die Basisprozesse der Geschichte bestimmen. “Ökonomische Übervorteilung, Embargopolitik, Zollkrieg, Dumpingpreise, koloniale, halb- und neokoloniale Ausbeutuung u.a. sind in den internationalen Beziehungen Mittel der Gewalt zur Verwirklichung ökonomischer und politischer Expansion, stellen als solche aber Mittel nichtmilitärischer Gewalt dar.”(2)

    Friedensforschung und Friedenswissenschaft haben den Sozialwissenschaften insgesamt zu einer tieferen Einsicht in Gewaltverhältnisse verholfen. Um die kategoriale Aufklärung des Gewaltbegriffs(3) hat sich eine breite Forschung entfaltet. “Gewalt liegt dann vor, wenn Menschen so beeinflußt werden, daß ihre aktuelle somatische und geistige Verwirklichung geringer ist als ihre potentielle Verwirklichung…Gewalt wird hier definiert als die Ursache für den Unterschied zwischen dem Potentiellen und dem Aktuellen…”(4)

    Ein chinesischer Schriftsteller des 5. Jahrhunderts v. Chr. meint das gleiche: “Es gibt viele Arten zu töten. Man kann einem ein Messer in den Bauch stechen, einem das Brot entziehen, einen von einer Krankheit nicht heilen, einen in eine schlechte Wohnung stecken, einen zum Selbstmord treiben, durch Arbeit zu Tode schinden, einen in den Krieg führen usw. Nur weniges daran ist in unserem Staat verboten.”(5)

    Johan Galtungs Systematisierung der Dimensionen von Gewalt ist zu einer nützlichen Erkenntnishilfe, bis in die Aufhellung des Alltags, geworden:

    Physische und psychische Gewalt: Zufügung von körperlichen Schmerzen bzw. Indoktrination, Drohung, Verminderung der geistigen Möglichkeiten…
    Negative und positive Einflußnahmen: Bestrafung bzw. Belohnung der nichtgewünschten bzw. gewünschten Verhaltensweisen.
    Objektloses und objektbezogenes gewalttätiges Verhalten: Verletzung oder Zerstörung von Personen und Sachen bzw. Anddrohung einer solchen durch Deutlichmachen des Zerstörungspotentials.
    Personale und Strukturelle Gewalt: Es besteht eine direkte Täter-Opfer-Beziehung; nicht Personen sondern gesellschaftliche Strukturen sind die Ursache für Gewalt.
    Intendierte und nicht intendierte Gewalt: Diese Unterscheidung wird bei der Frage der Schuld relevant. Werden ‘Absichten’ oder ‘Konsequenzen’ bestraft?
    Manifeste oder latente Gewalt: sichtbar, spürbar bzw. noch nicht präsent, kann jedoch in einer labilen Situation leicht zum Vorschein kommen.(6)

    Vor allem das Konzept der strukturellen Gewalt hat natürlich vieles Altbekannte und Vielbedachte in den Sozialwissenschaften und in der Gesellschaftstheorie zum Schwingen gebracht. Die Konnotationen und Synonyma sind zahlreich. Sie reichen von Macht und Herrschaft über soziale Ungleichheit, Ausbeutung und Unterdrükkung bis zum Phänomen der Entfremdung, ja bis zur Feststellung epochentypischer Stimmungslagen wie der Melancholie (welche die Menschen ja auch ‘handlungsmüde’, ‘veränderungsunfähig’ macht).(7)

    Als ein Vergesellschaftungsmoment, d.h. als eine Form der sozialen Inbeziehung-setzung und Verknüpfung von Einzelnen und Gruppen, durchziehen ‘strukturelle Gewaltverhältnisse’ die Gesellschaft bis in den letzten Winkel. Wenn Friedenswissenschaft die Aufgabe zu formulieren beginnt, nicht nur personale, sondern gerade eben auch strukturelle Gewalt – als letzte Quelle von Friedlosigkeit – abschaffen zu wollen, sticht sie gewissermaßen in das Wespennest aller etablierten gesellschaftlichen Struktur. Sie stellt letztlich – und ist dann auf die entwickeltsten Formen sozialtheoretischer Reflexion ebenso angewiesen wie jene auf sie – das Problem der Freiheit in Gesellschaft.

    Anthony Giddens geht diese Problematik andeutungsweise mit der Kategorie des Zwangs, der Zwangsverhältnisse oder -strukturen an: “Sämtliche verschiedenen Formen von Zwang sind…in unterschiedlicher Weise auch Formen von Ermöglichung. So gut wie bestimmte Handlungsmöglichkeiten einschränken oder negieren, dienen sie dazu, andere zu eröffnen.”(8)

    Die theoretische Durchdringung des Gewalt- und Zwangsproblems könnte in Anbetracht des Ausmaßes empirischer Gewaltverhältnisse eine der wichtigsten Aufgaben der Sozialwissenschaften werden. Noch ist es nicht so weit; noch müßte darauf gedrungen werden.

    Die ‘Praxis’ drängt auch. Jüngst hat die Bundesregierung durch eine ‘Gewaltkommission’ einen Bericht über das aktuelle ‘Klima der Gewalt’ in unserem Lande vorlegen lassen. Die Diskussion über diesen Bericht ist aufschlußreich: Dieser Bericht, so seine Kritiker, zeichnet sich durch Mängel in den analytischen Grundstrukturen aus, die verhindern, daß neben den von Bürgern ausgeübten, staatlich definierten Gewalttaten die “große Fülle staatlicher und gesellschaftlicher Gewaltpotentiale, etwa die Umweltzerstörung, die Bereitstellung von Massenvernichtungswaffen oder die Anwendung staatlichen Zwanges” gesehen wird. Gewalt könne nicht nur als Straftat, als Normabweichung rechtlich sanktioniert werden; gerade auch staatliche Gewalt, das staatliche Gewaltmonopol mit den darin eingebauten Möglichkeiten des Mißbrauchs müßte Gegenstand eines ‘Gewaltberichts’ sein. Wie solle man im übrigen Phänomene wie die “alltägliche Gewalterfahrung der Bürger, etwa im Straßenverkehr mit jährlich 8000 Toten und 430 000 Verletzten” oder die “mangelnde Toleranz vieler Bürger gegenüber Ausländern” einordnen? Die Diskussion gipfelte in der – theoretisch nicht uninteressanten – Forderung nach einem umfassenden Gewaltbegriff: “Gewalt ist das, was Opfer schafft.”(9)

    (1) Engels 1878, MEW 20, 148
    (2) Steiner, a.a.O., 104
    (3) Galtung 1971; Schmid 1971
    (4) Galtung 1971, 57f
    (5) Me-Ti, zit. in: Verein für Friedenspädagogik Tübingen, a.a.O. (Frieden und Sicherheit 2)
    (6) J.Galtung, Strukturelle Gewalt, Reinbek 1975, 10ff
    (7) vgl. W.Lepenies, Melancholie und Gesellschaft, Frankfurt 1969
    (8) Giddens 1988, 227; Hervorhebung HJK
    (9) Alles Frankfurter Rundschau v. 2.2.90

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