{"id":7425,"date":"2017-11-30T10:33:20","date_gmt":"2017-11-30T09:33:20","guid":{"rendered":"https:\/\/www.galtung-institut.de\/?p=7425"},"modified":"2026-06-21T17:49:26","modified_gmt":"2026-06-21T15:49:26","slug":"deutsch-ecuador-peru-mediationserfolg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.galtung-institut.de\/de\/2017\/deutsch-ecuador-peru-mediationserfolg\/","title":{"rendered":"Ecuador Peru: Mediationserfolg"},"content":{"rendered":"<p><a id=\"toc\" class=\"anchor\" href=\"#toc\">toc<\/a><br \/>\n<strong>Table of Contents<\/strong><\/p>\n<ol>\n<li><a href=\"#part1\">Introduction<\/a><\/li>\n<li><a href=\"#part2\">Diagnosis of Fiss\u2019 critique<\/a><\/li>\n<li><a href=\"#part3\">Prognosis<\/a><\/li>\n<li><a href=\"#part4\">Therapy<\/a><\/li>\n<\/ol>\n<ul>\n<li><a href=\"#references\">References<\/a><\/li>\n<\/ul>\n<p><a id=\"part1\" class=\"anchor\" href=\"#part1\">part0<\/a><\/p>\n<h3>1. Introduction<\/h3>\n<p><a class=\"backuparrow\" title=\"go back to the table of contents\" href=\"#toc\">\u21a9<\/a><\/p>\n<p>&#8222;Sie haben sich dar\u00fcber gestritten, welche B\u00e4ume gepflanzt werden sollten, aber wenige L\u00e4nder f\u00fchren darum Krieg&#8220; (Gavin 2006: 6, eig. \u00dcbersetzung): Was zun\u00e4chst einmal belustigend wirken mag, hat in Wirklichkeit einen sehr ernsten Hintergrund. Nachdem im Grenzkonflikt zwischen Peru und Ecuador seit der Unabh\u00e4ngigkeit beider L\u00e4nder immer wieder Gewalt aufgeflammt war, konnte 1998 nach der Vermittlung des norwegischen Friedensforschers Johan Galtung der Friedensvertrag von Bras\u00edlia unterzeichnet werden. Dieser sah unter anderem die Gr\u00fcndung eines binationalen, gemeinsam verwalteten Natur- beziehungsweise Friedensparks in der umstrittenen Cordillera del C\u00f3ndor vor. In diesem Kontext ist die Eingangsaussage einzuordnen. Der Erfolg spricht f\u00fcr sich: Seit 1995 gab es keine weiteren kriegerischen Auseinandersetzungen mehr und weitestgehend unbeachtet von der \u00d6ffentlichkeit gilt einer der letzten Brennpunkte S\u00fcdamerikas inzwischen als dauerhaft entsch\u00e4rft.<\/p>\n<p>Wie konnte diese positive Entwicklung erreicht werden? Und lassen sich dadurch auch Schl\u00fcsse f\u00fcr die Transformation weiterer Konflikte ziehen? Zweifellos ist jeder Disput einzigartig und als solcher auch individuell zu betrachten. Trotzdem wird in diesem Papier im Anschluss an Galtung dahingehend argumentiert, dass einige P\u00e4missen genereller Natur f\u00fcr alle Konflikte gelten, unabh\u00e4ngig davon, ob diese auf Mikro- oder gar Megaebene ausgetragen werden. Diese Annahme bildet das Fundament des von Galtung ma\u00dfgeblich gepr\u00e4gten Transcend-Ansatz, der im Fall des Disputs zwischen den beiden Andenstaaten Peru und Ecuador die Basis bildete f\u00fcr die erfolgreiche Vermittlung in dem historisch tief verwurzelten Konflikt.<\/p>\n<p>Daher werden im ersten Schritt die Grundlagen des transcend-Verfahrens dargestellt und erl\u00e4utert. Dabei werden nicht nur die wesentlichen Annahmen und Konzepte betrachtet, sondern auch M\u00f6glichkeiten hinsichtlich deren konkreten Anwendung im Konfliktfall. Davon ausgehend wird diese allgemeine Herangehensweise vor dem Hintergrund des Peru-Ecuador-Fallbeispiels spezifisch angewandt. Zun\u00e4chst werden die Konfliktlinien kontextualisiert, da diese die weiteren Entwicklungen im 20. Jahrhundert entscheidend mitbeeinflusst haben. Anschlie\u00dfend wird ein Blick auf fr\u00fchere Friedensverhandlungen geworfen, um darstellen zu k\u00f6nnen, worin der Unterschied zum durch den Beitrag Galtungs ma\u00dfgeblich mitgepr\u00e4gten Friedensvertrag von 1998 liegen. Dessen vielfach ge\u00e4u\u00dferte Forderung nach mehr Kreativit\u00e4t in der Phase der Konflikttransformation zeigt sich unter anderem an dem innovativen Vorschlag, im umstrittenen Grenzgebiet gemeinsam ein binationales Naturschutzgebiet zu installieren. Der Umsetzung widmet sich ein letzter Abschnitt, bevor ein abschlie\u00dfendes Fazit die Analyse komplettiert.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a id=\"part2\" class=\"anchor\" href=\"#part2\">part2<\/a><\/p>\n<h3>2. Diagnosis of Fiss\u2019 critique<\/h3>\n<p><a class=\"backuparrow\" title=\"go back to the table of contents\" href=\"#toc\">\u21a9<\/a><\/p>\n<p>Anhand des Fallbeispiels l\u00e4sst sich exemplarisch veranschaulichen, dass Verhandlungen auf diplomatischer Ebene oftmals nicht ausreichen, um einen Konflikt in dem Sinne zu transformieren, dass er dauerhaft befriedet werden kann. Vor diesem Hintergrund entwickelte Johan Galtung den sogenannten transcend-Ansatz, der gleichzeitig auch die Grundlage f\u00fcr sein Vermitteln im Peru-Ecuador-Konflikt darstellt. Deshalb werden im Folgenden zun\u00e4chst die wichtigsten Konzepte und Vorgehensweisen rekapituliert. Dazu ist an erster Stelle festzuhalten, dass sich die konkreten Vorgehensweisen beispielsweise im Vergleich zu Methoden der Zivilen Konfliktbearbeitung (ZKB) in zentralen Punkten \u00e4hneln. Die Besonderheit dieser Herangehensweise liegt in der speziellen Verbindung zwischen &#8222;komplexe[r] Friedensphilosophie, eine[r] komplexe[n], kritisch-konstruktive[n] Friedenstheorie [&#8230;] und drittens durch eine Praxeologie des (Tiefen-) Dialogs&#8220; (Graf 2006: 3). Ersteres lehnt sich an die Positionierung Gandhis in dessen satyagraha an, wonach Frieden ausschlie\u00dflich mit friedlichen \u2013 und damit einhergehend auch gewaltfreien \u2013 Mitteln erreicht werden kann (Galtung 2000: 5). Mit Blick auf die Galtung&#8217;sche Auffassung von Friedenstheorie ist ein n\u00e4herer Blick auf grunds\u00e4tzliche Konzepte wie etwa Frieden und Gewalt vonn\u00f6ten. Galtung kritisiert diesbez\u00fcglich die inflation\u00e4re Verwendung des Friedensbegriffs, ausschlie\u00dflich als Abwesenheit von Gewalt verstanden. Vielmehr sei es essentiell, Frieden als Ergebnis eines l\u00e4ngerfristigen Prozesses zu verstehen: Bonacker und Imbusch definieren Frieden daher &#8222;als einen Transformationsprozess hin zu ziviler, d.h. nicht gewaltsamer Konfliktaustragung&#8220; (2005: 135). Direkte sichtbare Gewalt ist demzufolge lediglich der Ausdruck tiefer liegender Faktoren und Umst\u00e4nde, die einen Konflikt ausl\u00f6sen k\u00f6nnen. Bildlich gesprochen ist also nur die Spitze eines Eisberges sichtbar, wohingegen die tats\u00e4chlichen Konfliktursachen oftmals unsichtbar, teils im Bereich des Unbewussten liegen (ebd.: 3). Daher unterscheidet Galtung drei Ebenen der Gewalt: direkte, strukturelle und kulturelle. Direkte Gewalt ist ein Ereignis, strukturelle Gewalt ist ein Prozess mit H\u00f6hen und Tiefen, kulturelle Gewalt ist eine Konstante, eine \u201ePermanenz\u201c, die aufgrund der langsamen Transformationen grundlegender Aspekte der Kultur \u00fcber lange Zeitr\u00e4ume hinweg im Wesentlichen unver\u00e4ndert bleibt (Graf 2009: 4). Trennlinien struktureller Gewalt k\u00f6nnen beispielsweise die Hautfarbe, Nationalit\u00e4t oder auch die Zugeh\u00f6rigkeit zu einer determinierten Klasse sein. Die respektiven Bereiche kultureller Gewalt stehen in Zusammenhang mit Gesichtspunkten wie Sprache, Religion und Ideologie (ebd.: 5). Gemeinsam haben dabei alle Ebenen, dass sie in ihrer Gesamtheit ber\u00fccksichtigt werden m\u00fcssen, soll tats\u00e4chlich nicht nur ein oberfl\u00e4chlicher Kompromiss geschlossen werden, sondern ein tats\u00e4chlicher Vers\u00f6hnungsprozess hin zu einer nachhaltigen Konflikttransformation f\u00fcr alle beteiligten Akteure erreicht werden. Des Weiteren besteht ein zirkul\u00e4res Verh\u00e4ltnis zwischen den drei Levels: Direkte Gewalt ist nicht nur ein Ausdruck struktureller und kultureller Gewalt, sie gew\u00e4hrleistet auch die Persistenz der Faktoren, die diese beeinflussen (Galtung 2000: 4). Die konkrete Umsetzung beziehungsweise die verschiedenen Ans\u00e4tze zur Konfliktl\u00f6sung komplettieren den Dreierschritt aus Analyse und Diagnose. Grundvoraussetzung hierf\u00fcr ist die Annahme, dass ab einem gewissen Grad gewaltfreie Konfliktinterventionen und kreative L\u00f6sungsvorschl\u00e4ge von Drittakteuren notwendig sind, um einen verh\u00e4rteten Konflikt zu transformieren. Dabei wird angestrebt, auf die spezifischen Ebenen der Gewalt speziell zu reagieren. Direkte Gewalt soll durch die F\u00f6rderung von Gewaltfreiheit unterbunden werden, die \u00dcberwindung von Trennlinien auf struktureller Ebene hingegen durch den Einsatz kreativer Methoden. Zuletzt wird intendiert, die oftmals sehr tiefliegenden Ursachen kultureller Gewalt Schritt f\u00fcr Schritt \u00fcber die St\u00e4rkung der Empathief\u00e4higkeit dem Gegen\u00fcber abzubauen (Graf 2009: 6). Fischer (2013) determiniert die Leitlinien des praktischen Vorgehens folgenderma\u00dfen: 1. Durch individuellen Dialog mit den vielen direkt und indirekt an einem Konflikt beteiligten Parteien, auch mit denen, die der Mediator m\u00f6glicherweise nicht leiden kann, versuchen, ihre Ziele, \u00c4ngste und Anliegen zu verstehen und ihr Vertrauen zu gewinnen. 2. Unterscheiden zwischen legitimen Zielen, die menschliche Bed\u00fcrfnisse bekr\u00e4ftigen und illegitime Ziele, die menschliche Bed\u00fcrfnisse missachten. Was immer wir von anderen Parteien verlangen, m\u00fcssen wir bereit sein, Anderen auch zuzugestehen. Selbstbestimmung ist beispielsweise ein legitimes Ziel, \u00fcber andere zu regieren nicht. 3. Die H\u00fcrde zwischen allen legitimen, aber sich anscheinend widersprechenden Zielen \u00fcberwinden durch f\u00fcr beide akzeptable, w\u00fcnschenswerte und auch in Zukunft nachhaltig wirkenden L\u00f6sungen, die Kreativit\u00e4t, Empathie und Gewaltfreiheit ausdr\u00fccken und so eine neue Realit\u00e4t aufbauen (eig. \u00dcbersetzung). Letztlich ergeben sich also aus den inhaltlichen Pr\u00e4missen des transcend-Ansatzes gleichzeitig auch die konkreten Zielvorstellungen in der praktischen Konflikttransformation, womit ein direkter Zusammenhang zwischen Friedenstheorie und Friedenspraxis gegeben ist. Die Idee, die diesen Gedankeng\u00e4ngen zugrunde liegt, ist letztlich der Versuch, L\u00f6sungsperspektiven jenseits eines einfachen Kompromisses zu finden, der lediglich bei den oberfl\u00e4chlichen Konfliktursachen ansetzt. &#8222;Anders als die auf Macht oder auf Recht basierten Ans\u00e4tze zielt Transcend ausdr\u00fccklich auf die Notwendigkeit gleichberechtigter, problembezogener Kommunikation und allseitigen Lernens zwischen verschiedenen sozialen Gruppen, Nationen und Zivilisationen ab&#8220; (Graf 2009: 3). Es gilt aber, dass das Suchen nach einer \u00fcbergreifenden Formel f\u00fcr den Widerspruch \u2013 also die \u201eTranszendenz\u201c der urspr\u00fcnglichen Inkompatibilit\u00e4t der Ziele &#8211; kann nur erreicht werden, wenn es zumindest einer der Konfliktparteien gelingt, die unbewussten Muster zu erkennen, die zur jeweiligen Mitverantwortung f\u00fcr die Gewaltspirale beitragen (ebd.: 4). Dies impliziert bereits die psychologische Komponente, die in diesem Zusammenhang eine zentrale Rolle einnimmt. Nicht nur auf offensichtliche und bewusste Konfliktstrategien Bezug nehmend, sondern auch auf die oftmals im Bereich der kollektiv unbewussten Tiefenstrukturen einer Gesellschaft angesiedelten intervenierenden Faktoren, die dazu f\u00fchren k\u00f6nnen, dass bestimmte Grundbed\u00fcrfnisse wie das \u00dcberleben, Freiheit oder Identit\u00e4t als bedroht wahrgenommen werden k\u00f6nnen (Galtung\/Tschudi 2001: 15). Deren \u00dcberwindung und der Aufbau einer nachhaltigen Friedenskultur der Gewaltlosigkeit, Kreativit\u00e4t und Empathie sind dementsprechend die zentralen Ziele des von Johan Galtung gepr\u00e4gten transcend-Ansatzes.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a id=\"part3\" class=\"anchor\" href=\"#part3\">part3<\/a><\/p>\n<h3>3. Prognosis<\/h3>\n<p><a class=\"backuparrow\" title=\"go back to the table of contents\" href=\"#toc\">\u21a9<\/a><\/p>\n<p>Der Streit um den Grenzverlauf zwischen Peru und Ecuador ist nicht nur der l\u00e4ngste seiner Art in Lateinamerika, sondern trug dar\u00fcber hinaus zum Ausbruch mehrer Kriege beider Nationen bei. Mit Blick auf die longue dur\u00e9e wird die Beziehung der beiden Staaten daher auch nach deren Demokratisierung in den 1970er Jahren als enduring rivalry klassifiziert (Zimmermann 2009: 41). W\u00e4hrend der Kolonialzeit waren die Unterteilungen in verschiedene Verwaltungseinheiten zwar auch nicht endg\u00fcltig festgelegt und in die Realit\u00e4t umgesetzt, aber zum Problem wurde dies erst mit der Unabh\u00e4ngigkeit und der daraus resultierenden Aufspaltung der ehemaligen Vizek\u00f6nigreiche in die heutigen Einzelstaaten (Birle 2009: 2). Grunds\u00e4tzlich bestand Konsens darin, gem\u00e4\u00df des Prinzips des Uti possidetis die Grenzen der nach der Unabh\u00e4ngigkeit von Spanien neu entstandenen Nationalstaaten zu ziehen. Das hei\u00dft, den administrativen Einheiten der Kolonialzeit entsprechend. Allerdings wurden einige der Verwaltungseinheiten nie eindeutig demarkiert, sodass dies \u2013 mit Ausnahme Brasiliens \u2013 nicht nur zwischen Peru und Ecuador massive Probleme ausl\u00f6ste in Bezug auf die Gebietsanspr\u00fcche der involvierten Staaten. Daher gilt zwar, dass es im Vergleich zu anderen Kontinenten in Lateinamerika grunds\u00e4tzlich nur sehr wenige gewaltsam ausgetragene zwischenstaatliche Konflikte gab , was aber die Androhung eines Krieges nicht verhinderte (ebd.: 6). Die Kontroversen zwischen Peru und Ecuador wurden im Laufe der Zeit jedoch so oft perpetuiert, dass sich die Festgefahrenheit der Situation mehrmals in milit\u00e4rischen Zusammenst\u00f6\u00dfen und Kriegen entlud, die den Konflikt zum am l\u00e4ngsten anhaltenden seiner Art in S\u00fcdamerika werden lie\u00dfen (Simmons 1999: 10). Bereits 1858 kam es zum Krieg zwischen beiden Staaten, der parallel zum internen B\u00fcrgerkrieg Ecuadors ausgetragen wurde und in dessen Verlauf Peru zeitweise die ecuadorianische Metropole Guayaquil besetzte. Auch nach dem offiziellen Ende des Krieges 1860 kam es nach wie vor zu Zwischenf\u00e4llen und fand 1941 den n\u00e4chsten kriegerischen H\u00f6hepunkt, w\u00e4hrend dessen Peru seinem Nachbar eine eindeutige Niederlage zuf\u00fcgte (Bonillo 1996: 32). Die darin bereits implizierte Asymmetrie in den Beziehungen beider Staaten beschr\u00e4nkt sich aber nicht nur auf die milit\u00e4rischen Kapazit\u00e4ten. Insgesamt gesehen verf\u00fcgte Peru aufgrund seiner Gr\u00f6\u00dfe und wirtschaftlichen Bedeutung im Vergleich zu Ecuador immer \u00fcber die gr\u00f6\u00dferen Machtressourcen. Dies ist in zweierlei Hinsicht relevant: Zum einen beg\u00fcnstigte es die Chancen, die eigenen Anspr\u00fcche nach au\u00dfen hin effektiv untermauern zu k\u00f6nnen. In der Tat zeigt eine Analyse der von au\u00dfen vermittelten Schiedspr\u00fcche, dass sich Peru deutlich st\u00e4rker mit seinen Forderungen durchsetzen konnte (Zimmermann 2009: 52). Zum anderen konnte Lima im Gegensatz zum Konflikt mit dem s\u00fcdlichen Nachbarn Chile mit Blick auf Ecuador aus einer Position der St\u00e4rke heraus gr\u00f6\u00dfere Erfolge erzielen und damit auch die Zustimmung der eigenen Bev\u00f6lkerung gewinnen. Letzteres leitet zu einer weiteren wichtigen Feststellung \u00fcber: Der Konflikt zwischen Peru und Ecuador ist mitnichten ein rein territorialer Grenzkonflikt. Vielmehr wurden und werden gleichzeitig Fragen der Identit\u00e4t indirekt mit ausgehandelt, die gegen\u00fcber der \u00f6konomischen Bedeutung der ohnehin nur schwach besiedelten Region eindeutig priorisiert wurden (Bonillo 1996: 41). Historisch gesehen sehen sich beide Staaten nicht nur als Anden-, sondern auch als Amazonasstaaten. Daher ist die Vehemenz, mit der Ecuador auf seinen Amazonaszugang bestand, prim\u00e4r ideologisch zu betrachten. Auch wenn eine rationale Betrachtung der Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisse theoretisch einen Kriegseintritt aus ecuadorianischer Perspektive verhindern h\u00e4tte m\u00fcssen, kam es dennoch in mehreren F\u00e4llen zu Zusammenst\u00f6\u00dfen. Diese zeigen, dass der Konflikt mit Dauerrivale Peru von den respektiven Regierungen in Quito auch als Legitimation f\u00fcr das eigene Handeln herangezogen wurde und reine Kosten-Nutzen-Erw\u00e4gungen zu kurz greifen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a id=\"part4\" class=\"anchor\" href=\"#part4\">part4<\/a><\/p>\n<h3>4. Therapy<\/h3>\n<p><a class=\"backuparrow\" title=\"go back to the table of contents\" href=\"#toc\">\u21a9<\/a><\/p>\n<p>Verhandlungen stellen zweifelsohne die Grundlage jeder friedlichen und gewaltfreien Konflikttransformation dar. Wenn das Endergebnis von Verhandlungen allerdings nur von einer Seite angenommen wird und von der anderen als ungerecht abgelehnt wird, k\u00f6nnen Vermittlungsbem\u00fchungen aber auch weitere Spannungen ausl\u00f6sen. Daher bieten diese insbesondere bei asymmetrischen Konstellationen erhebliches Konfliktpotenzial. Auch f\u00fcr das Beispiel Peru-Ecuador gilt, dass insbesondere die jeweiligen ecuadorianischen Regierungen fr\u00fchere Friedensabkommen nicht anerkennen beziehungsweise umsetzen wollte, da diese als unvorteilhaft wahrgenommen wurden. Vor diesem Hintergrund analysiert der folgende Abschnitt nicht nur zentrale Vereinbarungen und deren Schwachpunkte, sondern auch die ver\u00e4nderten Rahmenbedingungen und den Beitrag Johan Galtungs, die 1998 im Abschluss des Vertrags von Bras\u00edlia kulminierten.<\/p>\n<p>4.1 Probleme fr\u00fcherer Abkommen Die Persistenz des Territorialkonflikts im 20. Jahrhundert und die zahlreichen Zwischenf\u00e4lle an der Grenze sorgten daf\u00fcr, dass es unter regionaler Vermittlung auf diplomatischer Ebene zu Bem\u00fchungen kam, auf friedlichem Weg eine Beilegung des Disputs zu erreichen. Obwohl die Verhandlungen zum Abschluss mehrerer Vertr\u00e4ge und Erkl\u00e4rungen f\u00fchrten, war dies offensichtlich nicht ausreichend, um die Entwicklung eines dauerhaften und stabilen Friedens zwischen beiden Staaten bef\u00f6rdern zu k\u00f6nnen: Bis 1995 kam es immer wieder milit\u00e4rischen Aktivit\u00e4ten an der Grenze, auch wenn diese aus politikwissenschaftlicher Perspektive \u00fcberwiegend eine niedrige Intensit\u00e4t aufwiesen (Bonillo 1996: 45). Der Vertrag von Rio de Janeiro (1942) hat diesbez\u00fcglich eine Schl\u00fcsselbedeutung. Daher wird anhand dessen exemplarisch aufgezeigt, warum sich insbesondere Ecuador immer wieder durch Verhandlungen unter internationaler Vermittlung benachteiligt sah (Fortuna Biato 2016: 622). Das Rio-Abkommen wurde 1942 unterzeichnet, nachdem Peru im Krieg ein Jahr zuvor in Ecuador einmarschiert war und dem kleineren Nachbar eine klare milit\u00e4rische Niederlage zugef\u00fcgt hatte. Tats\u00e4chlich ist der Vertrag zun\u00e4chst einmal Ausdruck eines innovativen Schlichtungssystems, das sich auf regionaler Ebene in Lateinamerika etablieren konnte: Die USA, Brasilien, Argentinien und Chile traten gemeinsam als Schlichter auf den Plan und vermittelten den Pakt. Auch in der Umsetzung des Pakts kam ihnen eine Schl\u00fcsselrolle zu, da sie darin als Garantiestaaten festgelegt wurden: Die Garantiem\u00e4chte werden juristisch dazu verpflichtet, in allen Aspekten des ecuadorianisch- peruanischen Grenzkonflikts zu vermitteln und m\u00f6glicherweise als Schiedsrichter zu fungieren [&#8230;]. Das Rio-Protokoll legt diesbez\u00fcglich nicht nur die Vielfalt internationaler Konfliktbeilegungsmechanismen dar, sondern stellt auch die Kraft des V\u00f6lkerrechts durch die Kontrolle \u00fcber die Einhaltung vertraglicher Verpflichtungen (Simmons 1999: v, eig. \u00dcbersetzung). Auf Grundlage diesen \u00dcbereinkommens wurde im anschlie\u00dfenden Schiedsspruch vor allen Dingen den Forderungen Perus entsprochen: Aus einer Position der St\u00e4rke heraus agierend, wirkten sich die gr\u00f6\u00dferen Machtressourcen Limas in diesem Fall dahingehend aus, dass auch die Vermittler ihr Urteil \u00fcberwiegend zugunsten Perus f\u00e4llten (Zimmermann 2009: 52). Obwohl die Grenzlinien in dem Vertrag neu festgelegt und die Demarkation derselben im umstrittenen Gebiet vereinbart wurde, kam es in der Praxis dennoch zu Schwierigkeiten. Diese stehen in Verbindung mit der bereits erw\u00e4hnten Problematik, dass der Disput zwischen beiden Staaten nicht nur eine territoriale Frage ist, sondern Ausdruck der jeweiligen nationalen Identit\u00e4ten. Basierend auf seinem Selbstverst\u00e4ndnis als Amazonas-Anrainerstaat, forderten die verschiedenen Regierungen Ecuadors nach 1942 immer wieder die Anullierung des Abkommens und blockierten die Umsetzung der endg\u00fcltigen Grenzziehung. Im Gegensatz dazu bestand Peru vehement darauf, alle Vereinbarungen ohne Einschr\u00e4nkung durchzusetzen. Auch als neue geographische Erkenntnisse f\u00fcr erneute ecuadorianische Anstrengungen sorgten, die Grenzen zu seinen Gunsten zu verschieben: Tats\u00e4chlich stellte sich heraus, dass der umstrittene R\u00edo Cenepa, der zuvor als Grenzfluss festgelegt worden war, deutlich weiter n\u00f6rdlich verl\u00e4uft als zun\u00e4chst angenommen. Dementsprechend argumentierte Quito, Peru habe dadurch einen ungerechten Vorteil erhalten, der ausgeglichen werden m\u00fcsse. Darin liegt implizit bereits eine der Hauptschwierigkeiten des Rio-Abkommens begr\u00fcndet. Auch wenn sich die Vermittlerstaaten bem\u00fchten, Kompromisse f\u00fcr die konkreten Streitpunkte auszuhandeln, konnten zugrundeliegende Dynamiken dadurch nicht ausger\u00e4umt werden, da es um viel mehr als nur ein umstrittenes St\u00fcck Territorium ging. Es best\u00e4tigt also die These Galtungs, wonach politisch vermittelte Abkommen zwar oft die direkten Feindseligkeiten beenden k\u00f6nnen, tieferliegende Wurzeln der Gewalt aber ausgeblendet werden. Im Fall von Ecuador und Peru f\u00fchrte dies im Laufe des 20. Jahrhunderts ein ums andere Mal dazu, dass kleinere Zwischenf\u00e4lle milit\u00e4rische Gegenreaktionen ausl\u00f6ste, sodass es regelm\u00e4\u00dfig zu Zusammenst\u00f6\u00dfen an der Grenze kam. 4.2 Die Verhandlungen zum Friedensvertrag von Bras\u00edlia (1998) und der Beitrag Galtungs Nachdem bei einem Routineflug der peruanischen Luftwaffe ecuadorianische Stellungen auf von Peru reklamiertem Gebiet in der Grenzregion entdeckt worden war, kam es 1995 zum Cenepa-Krieg. Vor diesem Hintergrund ordnete die Regierung in Lima die Zerst\u00f6rung der Siedlungen und damit einhergehend die Wiederherstellung der eigenen Souver\u00e4nit\u00e4t an. Zun\u00e4chst wurde daf\u00fcr nur ein kleines Kontingent der Armee eingesetzt. Allerdings wurde in beiden Staaten die vollst\u00e4ndige Mobilmachung der Streitkr\u00e4fte in die Wege geleitet. Dies veranlasste die Garantiem\u00e4chte des Rio-Pakts \u2013 die USA, Brasilien, Argentinien und Chile \u2013 beide Staaten zum Truppenr\u00fcckzug in dem umk\u00e4mpften Gebiet zu zwingen. Anschlie\u00dfend wurden erneut Vermittlungen mit einem \u00fcbergeordneten Ziel eingeleitet: die Gew\u00e4hrleistung der endg\u00fcltigen Befriedung des Dauerkonflikts. Diese Bem\u00fchungen f\u00fchrten drei Jahre sp\u00e4ter zum Friedensvertrag von Bras\u00edlia. Entgegen aller Erwartungen, kam es seitdem zu einer beachtlichen Ann\u00e4herung der beiden Nachbarn. Nach zwanzig Jahren Stabilit\u00e4t ohne weitere milit\u00e4rische Zwischenf\u00e4lle kann heute uneingeschr\u00e4nkt attestiert werden, dass die Transformation des Konflikts gelungen ist. Dies wirft verschiedene Fragen auf: Welche substantiellen Unterschiede lassen sich zu fr\u00fcheren Bem\u00fchungen ausmachen? Und welche Rolle spielte der Beitrag Johan Galtungs? Mehrere Faktoren sowohl auf domestischer als auch auf regionaler und systemischer Ebene haben sich f\u00f6rderlich auf die Nachhaltigkeit des Abkommens von 1998 ausgewirkt. Das Ende des Kalten Krieges und das im Zuge der Globalisierung gestiegene Bewusstsein f\u00fcr weltweite Interdependenzen &#8222;beg\u00fcnstigten sowohl die Hoffnungen, die in regionale Integration gelegt wurden und lie\u00dfen dadurch engstirnigen Nationalismus und fremdenfeindliche Rhetorik nicht nur veraltet, sondern kontraproduktiv erscheinen&#8220; (Fortuna Biato 2016: 623, eig. \u00dcbersetzung). Nachdem in den 1970er und 1980er Jahren weite Teile S\u00fcdamerikas von unterschiedlich repressiv agierenden Milit\u00e4rdiktaturen regiert worden waren, bef\u00f6rderte die sich daran anschlie\u00dfende Demokratisierungswelle, die auch Ecuador und Peru erfasste, die verst\u00e4rkte Akzentuierung neuer Normen und Pr\u00e4ferenzen. In einem Kontext gr\u00f6\u00dferer Integrationsbem\u00fchungen, die sich auch in st\u00e4rkeren transnationalen Kontakten auf gesellschaftlicher Ebene ausdr\u00fcckten, wurden Grenzkonflikte in der Gesellschaft zunehmend als veraltetes Relikt fr\u00fcherer Zeiten wahrgenommen und ein endg\u00fcltiges Friedensabkommen bef\u00fcrwortet (Simmons 1999: 17). Dazu addierte sich st\u00e4rkerer politischer Druck der Garantiem\u00e4chte des Rio-Abkommens: Angesichts deren Bef\u00fcrwortung einer vertieften regionalen Zusammenarbeit, koordinierten diese ihr Vorgehen mit Blick auf die Regierungen in Lima und Quito, um eine Unterminierung der Ann\u00e4herung durch den Grenzdisput zu verhindern. So wurde beispielsweise die Entsendung der ersten regionalen Friedenstruppe in das umstrittene Gebiet beschlossen und umgesetzt. Besonders positiv bewertet wurde au\u00dferdem das intermedi\u00e4re Auftreten Brasiliens als honest broker beziehungsweise als Koordinator der Gruppe der Garantiem\u00e4chte, das dadurch zus\u00e4tzlich an au\u00dfenpolitischer Kredibilit\u00e4t gewann (Fortuna Biato 2016: 625). Des Weiteren spielen auch \u00f6konomische Erw\u00e4gungen eine betr\u00e4chtliche Rolle: Zum einen gelangte ins Zentrum der Aufmerksamkeit, dass die Grenzregionen auf beiden Seiten unter den sozio\u00f6konomisch am schw\u00e4chsten entwickelten Gebieten beider L\u00e4nder rangierten, ohne nennenswerte Verflechtungen (Birle 2009: 7). Daher n\u00e4hrten die vermehrten Kooperationstendenzen auf regionaler Ebene die Hoffnungen, \u00fcber einen verst\u00e4rkten Grenzhandel konstantes Wachstum anregen zu k\u00f6nnen. Zum anderen galt insbesondere f\u00fcr Ecuador, dass ein erneuter Krieg die ohnehin starken finanziellen Probleme lediglich weiter versch\u00e4rfen w\u00fcrde. Nach dreij\u00e4hrigen Verhandlungen unterzeichneten die amtierenden Pr\u00e4sidenten beider Staaten, Jamil Mahuad (Ecuador) und Alberto Fujimori (Peru) am 26. Oktober 1998 die Akte von Bras\u00edlia und beendeten damit gleichzeitig die Phase des gr\u00f6\u00dften Engagements der USA, Brasiliens, Argentiniens und Chiles. L\u00f3pez Contreras zufolge gliedert sich letzteres in drei Etappen: die milit\u00e4rische, die verfahrenstechnische sowie abschlie\u00dfend die substantielle (2004: 98). Der Friedensvertrag als vorl\u00e4ufiger H\u00f6hepunkt des Prozesses sah \u2013 wie von den Garantiem\u00e4chten intendiert \u2013 Kompromisse in allen essentiellen Streitpunkten vor. So einigte man sich auf die endg\u00fcltige Grenzziehung in der Cordillera del C\u00f3ndor gem\u00e4\u00df den Vorschl\u00e4gen der zuvor eingesetzten Expertenkommission, die Etablierung eines demilitarisierten, binationalen und gemeinsam verwalteten Naturschutzgebiets auf beiden Seiten der Grenze und die Zusage an Ecuadors Regierung, uneingeschr\u00e4nkten Zugang zu Tiwintza zu erhalten, einer kleinen Enklave auf ansonsten peruanischem Territorium. Letzteres schloss das Recht zur Errichtung einer Erinnerungsst\u00e4tte in Gedenken an die 1995 gefallenen Soldaten mit ein (ebd.: 99). Auf den ersten Blick erscheint der nach wie vor g\u00fcltige Friedensvertrag von Bras\u00edlia als Ergebnis rein diplomatischer Anstrengungen. Weniger bekannt hingegen ist das Einwirken des norwegischen Friedensforschers Johan Galtung auf die Verhandlungen, der als informeller Vermittler hinzugebeten worden war. Der Schl\u00fcssel zum Erfolg lag hierbei in der Anwendung der allgemeinen Richtlinien des Transcend-Verfahrens in der Praxis. Dementsprechend suchte Galtung nicht nur das Gespr\u00e4ch mit allen beteiligten Parteien, um die erforderliche Analyse des Disputs auf eine solide Basis zu stellen, sondern brachte auch nach Identifikation der Kreativit\u00e4t als fehlender Komponente f\u00fcr eine nachhaltige Konflikttransformation den Gespr\u00e4ch zur Gr\u00fcndung des Natur- und Friedensparks dies- und jenseits der Grenze in die Verhandlungen mit ein (Gavin 2006: 6). Anhand dessen wird nicht nur die Bedeutung ziviler Konfliktbearbeitungsmechanismen ersichtlich, sondern auch die praktische Relevanz des von Galtung entwickelten Modells unterstrichen.<\/p>\n<p>5 Konkrete Umsetzung: Der Natur-\/Friedenspark Cordillera del C\u00f3ndor Wie eben aufgezeigt, sind kreative L\u00f6sungsvorschl\u00e4ge Galtung zufolge ein Schl\u00fcssel zur erfolgreichen Konflikttransformation. Geradezu paradigmatisch hierf\u00fcr steht die innovative Idee, in der umstrittenen Region der Cordillera del C\u00f3ndor einen von beiden L\u00e4ndern gemeinsam verwalteten binationalen Natur- beziehungsweise Friedenspark einzurichten. Dieser letzte Abschnitt greift daher dieses konkrete Beispiel heraus, um anhand dessen die konkrete Umsetzung des Friedensvertrags von Bras\u00edlia exemplarisch veranschaulichen zu k\u00f6nnen. Die in der Grenzregion zwischen Ecuador und Peru liegende Gebirgskette der Cordillera del C\u00f3ndor ist nicht nur auf beiden Seiten eine der am wenigsten &#8222;entwickelten&#8220; Regionen im nationalen Vergleich, sondern gleichzeitig auch Heimat mehrerer indigener Ethnien und einer enormen biologischen Diversit\u00e4t. Folgende Karte veranschaulicht die Lage innerhalb des in der Geographie als Megahotspot bezeichneten Gebiets der tropischen Anden (Alcalde et al. 2014: 2). Karte 1: Geographische Lage der Cordillera del C\u00f3ndor im Grenzgebiet zwischen Ecuador und Peru (Alcalde et al. 2014: 1) Mit der Etablierung erster Naturschutzgebiete, die Teil des Abkommens sind, wird dabei die insbesondere von Galtung akzentuierte allgemein gehaltenere Richtlinie umgesetzt, Ma\u00dfnahmen zur St\u00e4rkung der bilateralen Kooperation und Integration zwischen beiden Staaten umzusetzen. &#8222;[S]uch mechanisms must lead to economic and social development and strengthen the cultural identity of native populations, as well as aid the conservation of biological biodiversity and the sustainable use of the ecosystems of the common border&#8220; (ebd.: 3). Hervorzuheben ist diesbez\u00fcglich, dass dies keineswegs mit einem rein nationalen Fokus auf dem \u00f6kologischen Schutz der entsprechenden Regionen gleichzusetzen ist: Um durch die gemeinsame Aufgabe des Erhalts der Biodiversit\u00e4t die transnationalen Verkn\u00fcpfungen und damit auch die Konsolidierung des Friedens weiter voranzutreiben, wurden zu diesem Zweck unter dem Dach der Ecuadorianisch-Peruanischen Nachbarschaftskommission mehrere binationale technische Kommissionen gebildet (Birle 2009: 7). Ihr Aufgabenbereich umfasst dabei nicht nur die Planung und Ausarbeitung von Entw\u00fcrfen weiterer Naturschutzgebiete, sondern auch deren gemeinsame Administration und das Monitoring (ITTO 2009: 3). Erste Zwischenevaluationen haben ergeben, dass sich durchaus nennenswerte Erfolge eingestellt haben. So haben sich nicht nur die bilateralen Beziehungen beider Staaten stark verbessert und in der Grenzregion die transnationalen Kontakte multipliziert. Auch sozio\u00f6konomische Indikatoren weisen auf den Aufschwung hin, der seit der endg\u00fcltigen Beilegung des Dauerkonflikts dies- und jenseits der Grenze eingesetzt hat. Mithilfe internationaler Unterst\u00fctzung konnten au\u00dferdem umfangreiche Ma\u00dfnahmen zum Schutz der Flora und Fauna finanziert werden (Alcalde et al. 2014: 5). Nichtsdestotrotz behindern einige Umst\u00e4nde weiterhin die vollst\u00e4ndige Realisierung der im Friedensvertrag von Bras\u00edlia gemeinsam gesteckten Entwicklungszielen, die sowohl in Peru als auch in Ecuador erreicht werden sollten. Auf beiden Seiten der Grenze ist beispielsweise lediglich ein Teil der sogenannten Natur- und Friedensparks eingerichtet und auch die intendierte Er\u00f6ffnung eines Nationalparks Cordillera del C\u00f3ndor auf peruanischer Seite erst 10 Jahre nach der Unterzeichnung der Akte von Bras\u00edlia nach massivem internationalen Druck in die Tat umgesetzt worden. In diesem Zusammenhang sind ebenso institutionelle Defizite aufzuf\u00fchren: Die mittlerweile f\u00fcr die Verwaltung zust\u00e4ndigen Umweltministerien sind sowohl in Ecuador als auch in Peru verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig neu eingerichtete und nur mit geringen finanziellen Ressourcen ausgestattete Einrichtungen, die wenig politische Unterst\u00fctzung genie\u00dfen. Des Weiteren f\u00fchrt auch das ecuadorianische Umweltministerium als Problem an, dass die abgeschiedene Lage der Region eine gr\u00f6\u00dfere Pr\u00e4senz sowie eine bessere Koordinierung beispielsweise mit Indigenenvertretern erschwert (ITTO 2009: 4). Zuletzt ist auch auf die Komplexit\u00e4t der Indigenen-Thematik in diesem Zusammenhang aufmerksam zu machen: Positiv hervorzuheben sind die Bem\u00fchungen, im Zuge der Etablierung der Natur-\/Friedensparks gleichzeitig auch verst\u00e4rkt die Vermessung und offizielle Anerkennung indigener Territorien in der Region zuzulassen. Auf ecuadorianischer Seite kam es beispielsweise zur Gr\u00fcndung eines \u00fcber das eigentliche Naturschutzgebiet hinausgehende &#8222;Multiple Use Shuar Territory&#8220; (Alcalde et al. 2014: 4). Obwohl in beiden Staaten die respektiven indigenen Ethnien die direkten Leidtragenden der jahrzehntelangen Zusammenst\u00f6\u00dfe und Kriege im Grenzgebiet waren, ist aber die konkrete Umsetzung des Friedensvertrags in Bezug auf indigene Forderungen nach wie vor stark von der jeweiligen nationalen Konjunktur abh\u00e4ngig. W\u00e4hrend in Ecuador der ab 2007 mit gro\u00dfer Unterst\u00fctzung sozialer und indigener Bewegungen an die Macht gekommene Rafael Correa eine neue Etappe in der Indigenen-Politik des Landes einleitete und auch in der neuen Verfassung von 2008 verankerte, blieb in Peru ein nennenswerter Impuls diesbez\u00fcglich aus. Dementsprechend verl\u00e4ngerte die ecuadorianische Regierung ihr Kapitel des zun\u00e4chst gemeinsam verabschiedeten Entwicklungsplans 2009 um weitere f\u00fcnf Jahre, wohingegen Lima diesem Beispiel nicht folgte (Birle 2009: 7). 6 Fazit Als Ecuador im Juli diesen Jahres mit dem Bau einer Mauer an der Grenze zu Peru begann, l\u00f6ste dies nicht nur eine schwere diplomatische Krise aus, sondern f\u00fchrte auch zur Abberufung des peruanischen Botschafters aus Quito zu Konsultationszwecken. Das Au\u00dfenministerium in Lima erkl\u00e4rte, Ecuadors Regierung versto\u00dfe damit gegen die Bestimmungen des Vertrags von Bras\u00edlia. Was zun\u00e4chst wie ein erneutes Aufflammen des in der Geschichte beider L\u00e4nder tief verwurzelten Konflikts aussah, konnte jedoch innerhalb kurzer Zeit in Gespr\u00e4chen gekl\u00e4rt werden (El Universo 2017). Diese Episode veranschaulicht die Ver\u00e4nderungen grundlegender Natur in den ecuadorianisch-peruanischen Beziehungen, die seit den letzten milit\u00e4rischen Auseinandersetzungen 1995 die nachhaltige Transformation des Disputs erm\u00f6glicht haben. In diesem Sinne ist es positiv zu bewerten, dass die Entwicklung wirklichen Friedens zwischen beiden Nationen in den letzten beiden Dekaden f\u00fcr wenig Schlagzeilen gesorgt haben, wenn davon ausgegangen wird, dass schlechte Nachrichten die internationale Medienlandschaft beherrschen. In der Tat ist die Beilegung des am l\u00e4ngsten andauernden Territorialkonflikts S\u00fcdamerikas eine Erfolgsgeschichte. Dar\u00fcber hinaus hat die Analyse jedoch auch gezeigt, dass die Gemengenlage deutlich komplexer ist als eine reine Reduktion des Disputs auf den umstrittenen Grenzverlauf suggerieren w\u00fcrde. Daher ist erneut auf die Validit\u00e4t der These Galtungs hinzuweisen, wonach versucht werden muss, auch die unsichtbaren Ebenen der Gewalt beziehungsweise m\u00f6glicherweise unbewusst wirkende Tiefenursachen eines Konflikts anzugehen, um mit langfristiger Perspektive dauerhaften Frieden zu erreichen. Das Beispiel Peru-Ecuador zeigt, dass das auf Grundlage dieser Erkenntnis von Johan Galtung entwickelte Transcend-Verfahren auch in der Praxis funktionieren kann. Daher schlie\u00dft die Arbeit mit einem Pl\u00e4doyer f\u00fcr langfristigere L\u00f6sungsans\u00e4tze im politischen Alltagsgesch\u00e4ft im Sinne der Galtung&#8217;schen Vision von Konflikttransformation, f\u00fcr die F\u00f6rderung gewaltfreier, ziviler Konfliktbearbeitungsmechanismen und mehr Raum f\u00fcr kreative, innovative Formate, die sich positiv auf den Status quo auswirken k\u00f6nnten. Nur so kann sich wirklicher Friede als Endergebnis eines lang andauernden Prozesses einstellen! Die Verbesserungen, die seit der Unterzeichnung des Friedensvertrags von Bras\u00edlia 1998 \u00fcber die Cordillera del C\u00f3ndor hinaus erzielt wurden, stellen dies eindr\u00fccklich unter Beweis.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a id=\"references\" class=\"anchor\" href=\"#references\">references<\/a><\/p>\n<h3>References:<\/h3>\n<p><a class=\"backuparrow\" title=\"go back to the table of contents\" href=\"#toc\">\u21a9<\/a><\/p>\n<p>Alcalde, Mart\u00edn\/ Ponce, Carlos\/ Curonisy, Yanitza (2014): Peace Parks in the Cordillera del C\u00f3ndor Mountain Range and Biodiversity Conservation Corridor. &#8211; Online unter: https:\/\/www.wilsoncenter.org\/sites\/default\/files\/ponce.pdf [05.12.2017].<\/p>\n<p>Birle, Peter (2009): Zwischenstaatliche Konflikte in S\u00fcdamerika vom 19. Jahrhundert bis heute. Ursachen, L\u00f6sungsans\u00e4tze, Perspektiven. In: Mark, Lothar\/ Fritz, Erich G. (Hrsg.): Lateinamerika im Aufbruch. Eine kritische Analyse. 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